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02.03.2005, 16:20

Sonntag, 27.2.2005

Nach Weckung durch den Sohn um 6.45 Uhr, Verabreichung eines Milchfläschchens und schließlich erfolgreichem Abfinden mit der Notwendigkeit, den Tag zu beginnen, begebe ich mich um acht nach draußen, um für meine Familie und den Besuch Brötchen zu besorgen. Trotzdem ich des Schnees schon beim nächtlichen Klogang ansichtig wurde, bin ich überrascht, wie kalt und glatt es ist. Da die Bäcker in der Nähe mehrheitlich zu Ketten gehören und verachtenswerte Massenware anbieten, bin ich auf das Auto angewiesen, um den Konditor meiner Wahl zu erreichen.
Die Tür des Passats lässt sich mit moderatem Kraftaufwand öffnen und das Kratzen der Scheiben gerät diesesmal nicht zur Qual, da ich glücklicherweise Handschuhe mitführe. Doch als ich nach Verrichtung der Fahrtvorbereitungen die Fahrertür zuziehe, schlägt diese stumpf in den Rahmen ohne einzurasten. Ich kenne das Problem schon, wenngleich ich auch die Ursache nicht vollständig durchblicke – sicher ist, dass Kälteeinwirkung eine Rolle spielt, die Erfahrung lehrt mich außerdem, dass die Tür nach zehn bis fünfzehn Minuten wieder wie gewohnt schließen wird. Da ich aber ungern so lange in der Kälte warten möchte, steige ich nach zwanghafter Verwünschung des ganzen Autos ein und fahre los, unangeschnallt, mit der linken Hand den Türgriff nach innen ziehend.
Beim Brötchenmann angekommen parke ich, steige aus und lehne die Fahrertür an. Dann drehe ich den Schlüssel im Schloss, um ein Abschließen vorzutäuschen, was aber, wie ich entdecke, kein Publikum findet. Drinnen erwerbe ich vier normale Brötchen, ein Sesam, ein Buchweizen, ein Rosinenbrötchen, einen normalen und einen Schokocroissant, bezahle und begebe mich auf den Rückweg. Ich finde einen Parkplatz vor der Haustür und steige aus, ich lasse die Tür zufallen: sie schließt wie gewünscht. Oben in der Wohnung empfängt mich Wärme und ein üppig gedeckter Frühstückstisch. Erste Prüfung des Tages bestanden.

06.02.2005, 17:20

Erinnerungsshows

Die 90er-Show: RTL-Moderator Oliver Geißen mit TeletubbiesIch gucke weiß Gott nicht viel Fernsehen, aber wenn ich dann wochenends mal bei Jauch mitrate, kommt danach meist ein Schwachsinn wie die 90er-Show, vorher war’s die 80er-Show, Ostalgieshow, 70er-Show, nicht zu vergessen die Formate auf Pro7 oder Sat1: die peinlichsten Sommerhits und ähnliches nach dem selben Muster funktionierendes.

Ein gemeinsames Merkmal dieser Shows sind Originalaufnahmeneinspielungen, in die die immergleichen Fernsehkomödiantengesichter reingebluescreent werden, aus denen dann der immer gleich unbedeutende Erinnerungssenf quillt. Auffallend ist, dass diese Damen und Herren ins Bild rein- und aus dem Bild rausflutschen wie Stichwort- und Thesentexte in einer Powerpointpräsentation: mal wusch nach unten weg, mal drehend nach oben rechts ab. Bis ins haarkleinste wird hier nach Schema produziert.

Demnächst: Guido Knopp zum xten Mal über das Dritte Reich, die 30er-Show, ein Triumph-des-Willens-Ausschnitt, Johannes Heesters tanzt von links ins Bild und holländelt das Horst-Wessel-Lied; die 40er-Show, Wochenschauaufnahmen mit dem zackigen 40er-Jahre-Sprecher, heldenhafte Frontbegradigung nahe Charkow, Maxe Schmeling, wär er nicht letzte Woche gestorben, robbt sich von rechts auf den Bildschirm und imitiert ein Flakgeschütz.

28.01.2005, 23:03

Videospiel

Mein Freund H. fuhr mal mit seinem schwarzmatt gerollten Taunus nach Holland, zwei weitere Freunde an Bord. Die Stimmung war sehr ausgelassen, es kreisten Joints und Bierdosen, es dröhnte laute Musik und Gelächter. Kurz vor der Grenze stiegen plötzlich Wasserdampfschwaden aus dem Motorraum empor, bald darauf streikte der Motor. H. war die gesamte Strecke im zweiten Automatikgang gefahren.

25.01.2005, 09:24

Schröder

Nicht nur Blickfett
Trübt seine Brille
Als er mir im Treppenhaus
Den Fluchtweg kappt.
Intuitiv
Wahre ich Abstand
Einige Dezimeter mehr
Als gewöhnlich
Des Geruches wegen.
Bezeugen soll ich
Das Pfuschwerk der Maler
Im Treppenhaus.
Doch denk ich nur
Ans Essen
Und den Quellcode
Der mir im Auto kam
Als ich falsch parkte.

25.01.2005, 09:22

Birgit Breuel (schenkt Kurze aus)

Es war im Jahr 1990, am 1. Mai. Ein Freund, wohnhaft in einem kleinen Dorf im Herzen Calenbergs, hatte am Abend zuvor zu einem Beisammensein mit Bier, Hasch und lauter Rockmusik geladen und es wurde damals in unseren Kreisen noch nicht als Opfer betrachtet, am Ort des Feierns auch zu nächtigen. So verbrachte man also auch den Vormittag zusammen und beschloss, einen Milieuwechsel vorzunehmen und den hiesigen Maibaum zu besuchen. Dort waren erwartungsgemäß schon einige fidele Dorfbewohner versammelt, und das Bier, das sie uns verkauften, half bald, die anfängliche Distanz zwischen ihnen und uns zu überwinden.

Wir standen schon einige Zeit so da, ich weiß noch, dass mir ein bisschen schlecht war, da bog plötzlich ein dunkler S-Klasse-Mercedes auf den Maibaumplatz ein, hielt, und ebenso plötzlich, einer scheinbar ausgeklügelten Choreographie folgend, stiegen zwei oder drei große Männer in dunklen Anzügen und die damalige niedersächsische Wirtschaftsministerin Birgit Breuel aus dem Wagen. Breuel, ihr Knittergesicht in die Runde gerichtet, balancierte schon im nächsten Augenblick, so meine Erinnerung, ein großes rundes Tablett mit regionsüblichen Schnäpsen auf der rechten Hand, und wir alle ließen es uns nicht nehmen, Nutznießer dieser plumpen Wahlkampfanmache zu werden. Das Tablett war dementsprechend schnell leer, und während wir noch den Kopf im Nacken hatten, hatte sich die Eiserne Birgit wieder auf den Rücksitz des Mercedes geschwungen, bereit für einen weiteren Versuch, Wählerstimmen mit Fürst Bismarck zu erkaufen.

Überrumpelt, verdutzt und beschwingt vom Alkohol und der Gewissheit, mal zur rechten Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein, blieben wir am Maibaum zurück, dreizehn Jahre SPD-Regierung lagen vor uns.

Breuel hingegen stieg bald zur Treuhandchefin auf. Später hatte sie dann noch das Vergnügen, Organisationschefin der Expo 2000 zu sein.
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